Orte des Grauens - Wartehalle

W-ART: Kleine Kulturgeschichte der Warteschlange

Armin Nagel131 views

Warteschlangen sind Orte des Grauens, die manchmal sogar niedere Instinkte wecken:

Shopper dead after “queue Rage” Attack
(Attacke in Warteschlange – Kunde tot)

Man allegedly stabbed another man after holding up queue at KFC drive through
(Messerattacke in Warteschlange eines KFC Drive In)

Man dies after taxi queue rage turns violent
(Mann stirbt in Taxi Warteschlange)

“You are not alone” heißt der Slogan von “queuerage”, einer Website, auf der man Dampf ablassen und die schlimmsten Warteschlangen als Foto oder Video mit anderen Leidensgenossen teilen kann.

 

Seit es Warteschlangen gibt, gibt es deshalb auch Menschen, die sich den Kopf zerbrechen, wie man sie erträglicher machen kann. Die weltweit führenden Wartespezialisten arbeiten für Disneyland. Dort zahlen Besucher viel Geld dafür, dass sie den ganzen Tag in der Schlange stehen. Dass dies niemanden so richtig zu stören scheint, ist eine große Kunst. Von Fotoaktionen mit Cartoonfiguren bis zu kleinen Minishows hat Disney ein einzigartiges
Schlangenentertainmentprogramm entwickelt, das die gefühlte Wartezeit verkürzt. Tagtäglich grübeln knapp 100 Wissenschaftler und Schlangenforscher weltweit an der Perfektionierung des mathematisch und psychologisch fundierten Wartesystems. Von Disney lernen heißt warten lernen. Dennoch geht es für sehr ungeduldige Gäste auch dort nicht ohne “Insider – Wissen”: Der “Unofficial Guide to Disneyland” verspricht denen, die es eilig haben eine zusätzliche Zeitersparniss von 4 Stunden pro Tag !

Und die dunkle Seite des Wartens boomt: In seinem Buch “Why does the other line always move faster?“ berichtet David Andrews von fiesen Tricks: Menschen mit Behinderungen oder solche, die Behinderungen vortäuschen bieten sich auf dem Warte – Schwarzmarkt von Disneyland an, damit reiche Familien mit ihrer Hilfe an den Warteschlangen vorgelassen werden oder durch den Hintereingang Zutritt erhalten.

“I`m not amused”, würden die Briten sagen, die Könige des Schlangestehens !
Der ungarisch- englische Komiker George Mikes schreibt 1946 in seinem Buch “How to be an alien”:

“In England, people do not often get excited. They do not enjoy many things but they love to queue.

At weekends, an Englishman queues up at the bus – stop, travels out to Richmond, queues up for a boat, then queues up for tea, then queues up for ice cream, then queues up some more because it is fun, then queues up at the bus – stop when he wants to go home. He has a very good time.

Many English families spend pleasant evenings at home just by queueing for a few hours. The parents are very sad when the children leave them and queue up to go to bed.”

Die Engländer haben das Warten so im Blut, dass während der Straßenunruhen von 2011 laut Zeitungsberichten selbst englische Hooligans ordentliche Schlangen bildeten, um sich dann nacheinander in aufgebrochenen Läden mit Elektronikartikeln zu versorgen.

Ein Jahr später kam es in Glasgow zu einem ähnlich skurillen Vorfall, als sich eine lange, gesittete Warteschlange vor einem Geldautomaten bildete, der wegen eines technischen Defekts zu viel Geld ausspuckte…

Trotz der offenkundigen Warteaffinität der Briten entstand das moderne Phänomen der Warteschlange zunächst in Frankreich.

Mit seiner “Geschichte der französischen Revolution” machte der viktorianische Historiker und Satiriker Thomas Carlyle das Konzept des Schlangestehens 1837 in England bekannt. Darin berichtet er nicht nur über Straßenaufruhr und die Guillotine, sondern auch über lange Warteschlangen ( “tails”), die sich in Zeiten von Brotknappheit und Hungersnöten vor Bäckereien bildeten. Sich nicht vorzudrängeln, sondern sich geduldig hintereinander anzustellen passte gut zum propagierten Gleichheitsgebot der französischen Revolution oder wie Carlyle schrieb:

“Patriotismus steht in der Schlange.” / “Patriotism stands in queue.”

Laut Joe Moran (Autor des Buches “Schlange Stehen für Anfänger”) ist der Mythos, dass die Briten besonders geduldige Schlangensteher sind, offenbar auch durch eine Propagandakampagne im Zweiten Weltkrieg befeuert worden. Als das hungernde Volk für Essensrationen anstehen musste wurde das Bild von vorbildlich wartenden Menschen politisiert. Nach dem gewonnenen Weltkrieg hatte man die Warteschlange demnach zu einem britischen Symbol für Anstand, Fair play und Demokratie verklärt.

2009, als die weltweite Finanzkrise den Horizont verdunkelte, berichtet die amerikanische Satirezeitung “ The Onion” in einem erfundenen Beitrag, in ganz Amerika habe sich eine spontane, 2000 Meilen lange Warteschlange mit Millionen und Abermillionen von Menschen gebildet. Mit dem uralten Bild des Wartens auf Brot (“breadline”) wird indirekt auch an die Bilder von Warteschlangen während der Grossen Depression erinnert:

 

Warteschlangen erzählen auch Geschichten über politischen wie wirtschaftlichen Aufstieg und Niedergang und wurden nicht zufällig zu einem Symbol für ökonomische Unterlegenheit des Ostblocks.

Der Historiker Stefan Wolle bezeichnet das ewige Schlangestehen sogar als einen der Gründe für die aufsässige Stimmung Ende der 80er Jahre in der DDR

Das polnische Brettspiel Kolejka ( zu Deutsch “Warteschlange”) versetzt die Spielenden zurück in eine Zeit des Hoffens und Wartens: “ Wir stellen uns mit unserer Familie vor den Läden an, um die auf unserem Einkaufszettel genannten Güter zu ergattern. Wer wird als Erster seine Einkäufe erledigt haben? “

Spielbeschreibung:

“Einkaufen in leeren Läden – Jeder Spieler erhält einen Einkaufszettel und versucht, die nötigen Waren zu ergattern, indem er seine Spielfiguren in den Warteschlangen vor den diversen Läden einreiht. Nach der (knappen) Warenlieferung beginnt die Drängelphase, an deren Ende nur die ersten in der Schlange, Waren nach Hause tragen können. Es gewinnt, wer zuerst alle Waren seines Einkaufszettels erstanden hat.”

Im Zuge der Vorbereitung auf die Olympischen Sommerspiele von Peking 2008, hat auch das kommunistische China versucht, in einer Art Umerziehungsmaßnahme der eigenen Bevölkerung westliche Warteschlangenkonventionen näher zu bringen, um die ausländischen Gäste nicht vor den Kopf zu stossen. So sollte beim Massenansturm der Besucher das gefürchtete Geschiebe und Gedränge vermieden werden:

Da die chinesischen Schriftzeichen für die Zahl 11 wie zwei Personen aussehen, die in einer Schlange stehen, wurde der 11. jeden Monats zum Tag der Warteschlange auserkoren und das offizielle chinesische Ethikbüro scheute keine Kosten und Mühen, um die Pekinger Innenstadt mit Erziehungsslogans auf Schildern zu übersäen:

“Ich warte in der Schlange und bin kultiviert.”
“Es ist zivilisiert in der Schlange zu stehen und es ist glorreich, höflich zu sein.”
“Ich bin Mitglied der Schlange.”

Während das kommunistische China noch mit Warteerziehung beschäftigt war, gab es im kapitalistischen Japan 2008 einen Warteskandal:

Mc Donalds musste zugeben, dass bei der Markteinführung des “Quarter Pounder” in Fastfood Filialen in Osaka Tausende professionelle Schlangensteher angeheuert wurden, die für ca. 12 Dollar die Stunde und ein kostenloses Essen für einen Ansturm auf Mc Donalds sorgen sollten. Was auf den ersten Blick im “Fast Food Geschäft” widersinnig erscheint, hat im warteaffinen Japan lange Tradition. Immer wieder versuchen dort Firmen durch künstlich verlängerte Schlangen einen “Run” auf ihre Produkte vorzutäuschen.

“When offered a choice between vendor A and Vendor B, each selling a similar product, a Japanese resident will choose the one with the longer line… In Japan, the wait is part of what gives a product its value… The wait time becomes an essential part of a company`s promotional tools.”

PS: Ob diese Kunden einer japanischen Tram ebenfalls als Teil einer Imagekampagne fürs Warten, Schieben und Drängeln bezahlt werden, muss noch geklärt werden.

 

 

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