Orte des Grauens - Wartehalle

W-ART: Stars der Warteschleife

Armin Nagel209 views

Die meistgehörteste Warteschleifenmusik der Welt ist wohl “Opus Number 1”: Bis zum heutigen Tag ist das Werk auf jeder der weltweit 65 Millionen Cisco – Telefonanlagen vorinstalliert. Trotzdem brachte es den beiden Komponisten Tim Carleton und Darick Deel weder Geld noch Ruhm. Warteschleifenmusik sei ”nicht wirklich etwas, mit dem man angeben kann”, auch nicht beim Flirten an der Bar, erzählt Carlton der Journalistin Sara Corbett, die die Hintergründe der “Opus No. 1″ Story für eine Radioreportage recherchierte.

Jemand der sich dagegen in der unscheinbaren Warteschleifennische gut eingerichtet hat, ist Stefan Ladage. Er gilt in der Branche als “Dieter Bohlen der Warteschleifenmusik”. In seinem Studio in Herford produziert er mit 27 Mitarbeitern jährlich ca. 24.000 Telefonwarteschleifen, “von Starterpaketen für kleine Handwerker bis zu ausgefeilten Audiomarketingkonzepten für internationale Konzerne” und macht damit nach eigenen Angaben einen siebenstelligen Jahresumsatz.

Seiner Ansicht nach erfüllt eine gute Warteschleifenmusik drei Anforderungen: Sie wirkt beruhigend, darf aber nicht einschläfernd sein, entspricht dem Zeitgeist und passt zum Kunden (via SZ ):

“Für den Baumarkt müssen wir es eher volksmusikähnlich machen, für den Friseursalon innovativ. Was auf einer Hochzeit oder bei einem Konzert funktioniert, das läuft auch in der Warteschleife.“

Ladages größter Hit ist die Firmenhymne von Air Berlin, mit der er es nicht nur in die Warteschleife von Deutschlands zweitgrößter Fluggesellschaft, sondern sogar in die Hitparaden schaffte:

“Flugzeuge im Bauch, im Blut Kerosin, kein Sturm hält sie auf, unsere Air Berlin. Die Nase im Wind, den Kunden im Sinn und ein Lächeln stets mit drin.”

Eine sechsstellige Summe soll dieser Song gekostet haben, während man ganz simple Jingles bei Ladage schon für 19 Euro haben kann. Manchmal macht er sogar seinem Ruf alle Ehre und fragt beim echten Dieter an, ob nicht einer seiner “DSDS- Schützlinge” einen Warteschleifensong einsingen kann.

Anstatt bei Stefan Ladage anzurufen, ging die Bauhaus Universität Weimar einen anderen Weg: Sie veranstaltete einen “Uni – Telefon – Warteschleifen Contest”:

Preisträger wurden Mario Weise mit “Comfort Noise”, sowie Ulf Pleines und Bert Liebold mit “Nimm noch nicht ab, Elise”:

https://soundcloud.com/taonline/comfort-noise-von-ulf-pleines

 

https://soundcloud.com/taonline/nimm-noch-nicht-ab-elise-von

“Comfort noise” wurde noch während der Preisverleihung als neue Warteschleife freigeschaltet. Im viermonatlichen Wechsel mit “Nimm noch nicht ab, Elise” soll es die Wartezeit im Telefonnetz der Weimarer Universität verkürzen.

Um mehr Glamour in die Warteschleifenbranche zu bringen, verleiht die amerikanische Warteschleifenvereinigung OHMA alljährlich den Warteschleifenoscar und zeichnet damit Stars und Sternchen der Branche aus.

Während der Contest in Weimar offenkundig musikalische Akzente setzen will, scheint es in Amerika einen Trend zu Humor in der Hotline zu geben:

Hier ein Überblick über die Siegerfiles der letzten Jahre. ( via Lukas Zimmer)

Unter den Preisträgern finden sich lustige Minidramen über Autowerkstätten und Comedyshows über Gebäudereinigungen. Der 2013 ausgezeichnete Spot des Automobil Zulieferers Binkelman baut ganz auf Selbstironie, da die Mitarbeiter in der Warteschleife es noch nicht einmal hinbekommen, den Namen ihrer eigenen Firma ordentlich auszusprechen.

Auch “Clown Cars” der 2011 mit dem Silver Award ausgezeichnete Comedy Jingle von Goodyear zeigt, dass es in der amerikanischen Hotline von heute ohne Humor nicht mehr geht: Ein Komplettdurchlauf des Jingles dauert 6 Minuten 45 Sekunden (!) und gibt dem wütenden Anrufer in der Beschwerdehotline wichtige Überlebenstipps:

“Fellows, always remember to breathe. I know, breathing can be tyresome. And after a long day of breathing at work, the last thing you wanna do is go home and breathe all night – but not breathing can lead to not living and if you are not living it`s even harder to avoid being dead. So breathe deeply gents, breathe deeply.”

Immer tief durchatmen – wann werden wir solch wertvolle Tipps endlich auch als Kunden der Deutschen Telekom hören ?

Analysiert man die OHMA Preisträger, so kristallisieren sich zwei Hauptanforderungen an zeitgenössische Warteschleifen heraus:

Erstens eine gewisse Länge, denn selbst der geduldigste Kunde kann nicht mehr, wenn er hunderte Male immer dieselben drei Takte Dudelmusik hören muss. Zweitens eine gehörige Portion Selbstironie, denn wenn Firmen es schaffen den Wartewahnsinn mit Witz zu verkaufen, dann ist viel gewonnen. Da Humor aber immer auch Geschmacksache ist, bleibt die Frage, ob dieser im entscheidenden Moment beim Kunden ankommt, oder im schlimmsten Fall nicht sogar das Gegenteil bewirkt.

Wer noch tiefer in die Psychologie und Analyse von Warteschleifenmusik einsteigen möchte, dem sei dieser Artikel des Bonner Generalanzeigers empfohlen, in dem der Psychologie Professor Alfred Gebert mehrere Bonner Telefonwarteschleifen ( u.a. Stadt Bonn, Gesundheitsministerium, Telekom Post, Haribo und Vapiano) auf Herz und Nieren prüft.

 

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